<![CDATA[MESSIEHILFE SCHWEIZ - Texte über Messie-Syndrom]]>Sun, 25 Sep 2022 02:01:31 +0200Weebly<![CDATA[Messie-Syndrom: Versunken im eigenen Leben]]>Sat, 07 May 2022 19:44:36 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-07th-20229615780Messie-Syndrom: Versunken im eigenen Leben
Ekkehart Eichler
21.04.2016
Quelle:  www.gesundheitsberater-berlin.de



Wer faul ist, kann aufräumen, will aber nicht.
Bei Menschen mit Messie-Syndrom ist es andersrum: Sie wollen, können aber nicht.
In Deutschland sind fast zwei Millionen von dem häuslichen Chaos betroffen.
“Vor ein paar Jahren wäre ich im Chaos fast versunken. Noch heute bekomme ich eine Gänsehaut, wenn ich an meine Hardcore-Phase denke: Geschirrberge, die sich in der Küche türmen. Tüten voller Abfall. Berge leerer Joghurtbecher. Hühnerknochen, die sich auf dem Mülleimer stapeln.”

Heute sieht es bei Heike auf den ersten Blick aus wie bei jedem, der die Dinge ein bisschen schleifen lässt. Ein paar Körbe mit Bügelwäsche, einige Kartons mit Krimskrams, unaufgeräumte Regale.

Und dennoch gehört die 42-Jährige, die so mutig und selbstbewusst über ihre Probleme spricht, zu jenen fast zwei Millionen Menschen in Deutschland, die unter dem Messie- Syndrom leiden.

“Messies” (aus dem Englischen “mess” für Unordnung) können nichts wegwerfen. Sie sammeln, was ihnen in die Hände fällt. Sie stapeln sich zu mit Haufen und Türmen.
Sie produzieren ein Chaos aus Kram und Krempel. Was aber bringt sie dazu, so zu leben? Warum werden sie zum Messie? Und können sie sich jemals wieder befreien?


Systemüberforderung
“Es handelt sich um ein komplexes psychiatrisch relevantes Krankheitsbild”, sagt der Berliner Psychiater Gerd Teschke. Er ist einer der wenigen Experten, die sich mit dem bisher kaum erforschten Phänomen ernsthaft beschäftigen.

Teschke nimmt an, dass es sich um eine Schwäche im exekutiven System des Gehirns handelt. Dieses, dem Management einer Firma vergleichbare Kommandozentrum, befindet sich im präfrontalen Cortex, dem entwicklungsgeschichtlich jüngsten Teil des Gehirns.

Es ist dafür verantwortlich, dass der Mensch Ziele setzen, Urteile fällen, Handlungen planen, Entscheidungen treffen, Informationen verarbeiten und in einen Output verwandeln kann.

Bei Menschen mit Messie-Syndrom sind diese lebenswichtigen Sortier- und Entscheidungsfunktionen gestört. Die Fülle von Eindrücken oder Impulsen führt zu Überforderung.

“Die Menschen der Steinzeit mussten mit ungefähr 35 Gegenständen umgehen”, so Teschke, “wir sind heute mit Abertausenden konfrontiert. Entsprechend höher sind die Anforderungen an das exekutive System.”


Perfektes Chaos
Das innere Chaos hat ein äußeres zur Folge. “Ich kann Reize, die auf mich einströmen, nicht filtern”, sagt Heike. “Für mich ist jeder Reiz gleich stark und gleich wichtig.

Andere können problemlos unterscheiden, was jetzt wichtig ist und was man erst später macht.” So wie die Ex- Fremdsprachensekretärin Heike, die heute in einem Call-Center eine Hotline betreut, sind Messies häufig intelligente und kreative Leute, die – so paradox das klingen mag – an überzogenem Perfektionismus leiden.

Aber: Absolute Ordnung herzustellen sind sie nicht in der Lage. Während faule oder unordentliche Menschen jederzeit aufräumen könnten, häufig aber nur nicht wollen, ist es bei Messies genau umgekehrt: Sie wollen durchaus, können aber partout nicht – an dieser Stelle beginnt die Störung.

Die Psychologin Renate Pastenaci vertritt die These, “dass die Vermüllung als Syndrom die Reaktion auf ein Trauma darstellt.”

Dazu gehören Todesfälle wichtiger Bezugspersonen, Scheidungen, Krankheiten, Arbeitslosigkeit und andere einschneidende Ereignisse. Betroffene versuchen, verloren gegangene Beziehungen zu kompensieren, indem sie sich ausschließlich auf das Sammeln von Gegenständen fixieren, ein symbolischer Ersatz für den erlittenen Verlust.

Das kann zur völligen Vermüllung der Wohnung führen und in tiefe gesellschaftliche Isolation, zum Verlust des Arbeitsplatzes – wie bei Heike – und zu erheblichen Problemen mit Behörden, weil wichtige Papiere nicht mehr gefunden oder abgeschickt werden. Im Extremfall können psychische Belastung und schwere Depressionen zum Selbstmord führen.


Blockiertes Selbstbewußtsein
Wie tief Heike immer noch im Käfig steckt, symbolisiert unfreiwillig ihr Schlafzimmer.

Der kleine Raum wird fast vollständig von einem Hochbett eingenommen, unter dem sie einen Arbeitsplatz eingerichtet hat. Die Kleiderschränke lassen kaum Durchgang zum Fenster, in der Ecke stapelt sich Wäsche.

Der Raum unter dem Bett ist vollgestopft mit Sessel, Anrichte, Büroschrank, Nähmaschine, Nähkasten, Klamotten. In einer großen Plastikbox türmen sich Papiere, die seit mindestens fünf Jahren nicht sortiert worden sind, “obwohl darin ganz wichtige Sachen stecken”, wie Heike vermutet.

Übrig ist nur eben so viel Raum, wie der Drehsessel vor dem Rechner erfordert – ein winziges Cockpit, das in jedem Raumschiff komfortabler ausfallen dürfte. Hier bunkert Heike sich ein, dies ist der Zufluchtsort einer gepeinigten Kreatur, wenn sie mit Gleichgesinnten und Gleichbetroffenen chattet.

Es gibt kaum fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse, wie man sich aus den Zwängen dieses Daseins befreien kann.

So viel aber ist sicher: Der Kampf gegen das Messie-Syndrom ist langwierig und schwierig. Und: Man muss das Übel an der Wurzel packen. Die Ursachen sind aber so vielfältig wie die Persönlichkeiten. Sind es Grundängste, Sozialängste oder Versagensängste?

Blockaden unbewusster Routinen? Entwicklungsstörungen, Bindungsstörungen, Zwangsstörungen oder die Nichtübereinstimmung von Selbstbild und Selbst? Ist eine Verantwortungsabwehr die Ursache? Oder gar Krankheiten wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ADS?


Alltägliche Überwindungen
Für Gerd Teschke ist die Sache klar: Vor der eigentlichen Therapie müssen diese Störungen behandelt werden.

Und es reicht nicht aus, zu sagen: “Räum auf! Schmeiß den Müll weg!” Das sind nur Symptome. Grundprinzip ist die behutsame Zurückführung der Betroffenen in ein normales Leben, in dem sie wieder alltägliche Dinge verrichten können.
So gut wie alles hat Heike schon probiert: Psychotherapie, Selbsthilfegruppen, Medikamente, Zeit-Management, Stress, Reduzierung, Hilfesuche in Internet-Foren, sogar Auftritte vor TV Kameras.

Den Fernseher hat sie abgeschafft, weil die tägliche Dosis Ablenkung lähmendes Gift für sie war. Ihr grösster Glücksfall: Vor vier Jahren fand sie einen Mann, der behutsam mit ihr und ihrem Problem umgeht. Und dennoch bleibt es täglich ein harter Kampf gegen sich selbst.

Nach vielen Jahren hat sie das Schlimmste überwunden, doch aufhören wird die Therapie für sie nie: “Im Moment ist gerade wieder so eine Zeit, wo ich denke: Hoffentlich kriege ich alles in den Griff.
Denn es breitet sich aus wie ein Krebsgeschwür.

Wenn ich nicht extrem ordentlich bin und sofort alles wegräume, breitet es sich sofort aus, es kommt noch etwas dazu, und dann ist der Punkt erreicht, wo ich denke: Um Gottes willen, jetzt muss ich aufräumen.

Und dann kommt wieder der Teufelskreis, dass ich mich nicht rantraue und mich nicht überwinden kann.”



Weitere Information und Beratung finden Sie unter:

Dr. Renate Pastenaci Ärztin für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Reifträgerweg 9 Telefon 791 15 85

Dr. Gerd Teschke Facharzt für Neurologie-Psychotherapie Senftenberger Ring 3A
Telefon 415 70 14

Sozialpsychiatrische Dienste der Stadtbezirke,
Adressen und Telefonnummern im Internet 
www.psychiatriewegweiser.info
Anonyme Messies e.V. Telefon 46 49 94 09 
www.anonyme-messies-berlin.de

Messie Selbsthilfe 
www.messie-selbsthilfe.de
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<![CDATA[Messie-Syndrom: Hilfe im Haushalt für die Betroffenen nicht nützlich]]>Sat, 07 May 2022 19:35:41 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-07th-20226258658Messie-Syndrom: Hilfe im Haushalt für die Betroffenen nicht nützlich
www.psychiater-im-netz.org.
03.03.2015

„Messies sind meist Menschen mit ausgeprägten Desorganisationsproblemen, die im Inneren der Betroffenen ihren Ursprung haben.

Sie haben Probleme damit, dass ihre Gedanken um die Bewältigung der einfachsten alltäglichen Arbeiten kreisen und Entscheidungsschwierigkeiten sie daran hindern, diese Dinge zu verrichten.

Auch sind sie oft nicht in der Lage, bei anfallenden Tätigkeiten Prioritäten zu setzen. Zudem schätzen sie den Wert und Nutzen von Dingen anders ein als der Durchschnitt der Bevölkerung, was sie zuweilen daran hindert, sich von Sachen zu trennen“, berichtet Dr. Christa Roth-Sackenheim vom Berufsverband Deutscher Psychiater (BVDP) in Krefeld.

„Wird ihre Wohnung nun aufgeräumt oder gesäubert, wird dies die Probleme nicht lösen, solange das innere Chaos weiter besteht.

Eingriffe im privaten Bereich sollten sogar zunächst vermieden werden, weil der Wohnbereich von Menschen mit dem Messie-Syndrom oft sehr schambelastet ist und sie emotional stark an gehorteten Gegenständen hängen können.“

Durch vermeintlich gut gemeinte Aufräumarbeiten können Betroffene in eine schwere psychische Krise geraten, weil sie das Gefühl haben, mit den Gegenständen sei auch das Leben oder die Kontrolle darüber weggeworfen worden.

Scham stellt große Belastung dar
Vom Messie-Syndrom Betroffene sind häufig gesellschaftlich und beruflich engagiert bis hin zur Selbstüberforderung.

Durch dieses Verhalten versuchen sie meist ihre Probleme im privaten Bereich zu kompensieren. „In sozialen Beziehungen werden Betroffene jedoch immer wieder mit ihren Problemen und der Scham darüber konfrontiert.

Oft mündet dies in sozialer Isolation, weil Einladungen vermieden werden und Kontakte abgebrochen werden. Auch Partnerschaften und das Familienleben sind besonders großen Belastungen ausgesetzt“, erklärt die Psychiaterin und Psychotherapeutin aus Andernach.

​Betroffene leiden oft unter Ängsten, großer Anspannung, und innerer Zerissenheit und fühlen sich unter dem Druck des Chaos hilflos.
Daneben können auch psychosomatische Symptome auftreten.

Therapiemaßnahmen setzen auf verschiedenen Ebenen an
Hilfreich kann eine professionelle psychotherapeutische Therapie sein, die dann zum Erfolg führt, wenn der Betroffene den Willen hat, an seiner Situation etwas zu verändern.

Viele lehnen zunächst jedoch Hilfsangebote ab und nehmen diese erst an, wenn sie mit erheblichen Konsequenzen, wie der Kündigung der Wohnung konfrontiert sind. Bei der Therapie geht es darum, die betroffene Person in die Lage zu versetzen, sich besser organisieren zu können und sie auch psychisch zu stärken.

„Eine Verhaltenstherapie, in denen die Gründe und Ursachen mit dem Therapeuten besprochen und bestimmte Verhaltensformen festgelegt werden, kann erfolgreich sein. Schritt für Schritt können beispielsweise Bereiche in der Wohnung ausgewählt werden, die in Ordnung gehalten werden“, schildert Dr. Roth-Sackenheim.

„Betroffene können so erfahren, sich wieder selbst zu kontrollieren und sich auf sich verlassen zu können.
Dadurch verbessern sie ihr Selbstwertgefühl, welches störungsbedingt oft beeinträchtigt ist.“

Neben einer Verhaltenstherapie ist es meist sinnvoll, auch die Angehörigen einzubeziehen und zu unterstützen. Selbsthilfegruppen können darüber hinaus das Verständnis und die Akzeptanz bei Betroffenen und auch Angehörigen fördern und dadurch den Umgang mit der Störung erleichtern.

Das Messie-Syndrom tritt in allen sozialen Schichten, Einkommens- und Altersklassen auf. Anders also oft in den Medien verbreitet, hortet nur eine kleine Minderheit der Betroffenen auch Abfälle und Essensreste oder lebt zwischen Schmutz und Ungeziefer.

Das Messie-Syndrom kann sich eigenständig entwickeln aber auch Begleitumstand verschiedener psychiatrischer Krankheitsbilder sein.

Ist es Teil einer anderen psychiatrischen Erkrankung, wie einer Depression, Sucht, Zwangserkrankung oder einer Psychose, ist eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung unbedingt erforderlich.

Der Abdruck dieser Pressemeldung oder von Teilen des Artikels ist unter folgender Quellenangabe möglich: www.psychiater-im-netz.org.

Bei Veröffentlichung in Online-Medien muss die Quellenangabe auf diese Startseite oder auf eine Unterseite des Patientenportals verlinken. Fotos und Abbildungen dürfen grundsätzlich nicht übernommen werden.]]>
<![CDATA[Messie-Syndrom: Begleiterscheinung unterschiedlicher psychischer Störungsbilder]]>Sat, 07 May 2022 19:28:34 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-07th-2022Messie-Syndrom:
Begleiterscheinung unterschiedlicher psychischer Störungsbilder

Quelle: www.psychiater-im-netz.org
22.07.2020

Menschen, deren Leben durch das übermäßige Anhäufen von Dingen in ihren Wohnräumen mitbestimmt wird, werden auch als „Messies“ bezeichnet.

Das Messie-Verhalten kann eigenständig auftreten aber auch Begleitumstand unterschiedlicher psychiatrischer Krankheitsbilder sein.
Neben psychotischen Erkrankungen können Zwangsstörung, Suchterkrankungen, Depressionen, Demenzerkrankungen sowie Aufmerksamkeits-Defizit-Störungen ein Messie-Syndrom als Begleitsymptom haben.

„Angehörige und das Umfeld sollten Messies nicht als faul oder unmotiviert einschätzen und sich auch nicht von ihnen distanzieren.
Im Gegenteil, die Betroffenen brauchen Hilfe in Form von professioneller Unterstützung“ betont Dr. Sabine Köhler vom Berufsverband Deutscher Nervenärzte (BVDN) mit Verbandssitz in Krefeld.
Untersuchungen haben gezeigt, dass Messies häufig an Schizophrenie oder Psychosen leiden. Betroffene haben eine veränderte Informationswahrnehmung und Informationsverarbeitung.

Sie sind mitunter von Wahnvorstellungen und damit einhergehenden Ängsten vereinnahmt und nutzen ihre überfrachtete Wohnung nicht selten dazu, um sich gegen die Umwelt und andere Menschen abzuschotten.

„Auch Veränderungen der Persönlichkeit können Teil des Krankheitsbildes sein und Betroffene dazu veranlassen, Dinge zu horten und an diesen festzuhalten.
Das Anhäufen von Gegenständen und Dingen entlastet von seelischen Problemen und ist mit Gefühlen von Sicherheit verbunden“, ergänzt die Psychiaterin.
Bei Zwangserkrankungen haben Betroffene Schwierigkeiten damit, sich von Gegenständen zu lösen, die emotional besetzt sind.

„Die Trennung von den Dingen wird als Verlust eines Teils der eigenen Identität erlebt und ist oft mit Angst besetzt“, schildert die Psychiaterin aus Jena. Zwanghafte Messies gehen oft sehr strukturiert und ordentlich beim Horten von Gegenständen vor, wobei die Dinge oft keinen objektiven Wert haben.

Ist das Messie-Verhalten Anteil einer Suchterkrankung, ist das Sammeln hingegen unstrukturiert und chaotisch und spiegelt ein Stück weit den Kontrollverlust wider, der bei Suchterkrankungen typischerweise auftritt.
Sind depressive, einsame Menschen vom Messie-Syndrom betroffen, wird das Verhalten oft als Ausgleich zur eigenen Gefühlsarmut und dem Mangel an sozialer Nähe eingesetzt.

„Dabei treten materiell greifbare Objekte an die Stelle des sozialen Miteinanders. Auch steigert das Zusammentragen von Dingen kurzfristig das Selbstwertgefühl, das bei depressiven Menschen krankheitsbedingt vermindert ist“, ergänzt Dr. Köhler.
Bei dementen Patienten steckt oft das unterschwellige Bedürfnis nach Festhalten und Sicherheit hinter dem Messie-Verhalten.

„Demenzkranke versuchen durch das Horten von Gegenständen sich ein Stück weit ihre Welt zu erhalten, um den krankheitsbedingten Verlust der eigenen Welt und Geschichte zu kompensieren“, so die Psychiaterin.

Eine Verwahrlosung im Alter kann jedoch auch Ausdruck altersbedingter Einschränkungen sein und der damit einhergehenden Unfähigkeit, einen gepflegten Lebensalltag aufrecht erhalten zu können.

Um ein Messie-Syndrom zu überwinden oder besser damit umgehen zu können, ist es erforderlich, die genauen Ursachen zu klären, um Betroffenen eine Verhaltensänderung zu ermöglichen.

Insbesondere, wenn Depressionen, Sucht, Zwang oder eine psychotische Erkrankung vorliegen, sollte unbedingt eine psychiatrisch-psychotherapeutische Behandlung bei einem Facharzt mit einfühlsamer Unterstützung wahrgenommen werden.
In Deutschland gibt es geschätzt zweieinhalb Millionen Menschen, die vom Messie-Syndrom betroffen sind. Es tritt in allen Bevölkerungsgruppen auf.
(äin-red)
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<![CDATA[Johannes von Arx: Die grosse Liebe zu Dingen]]>Wed, 04 May 2022 14:42:20 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-04th-20224918852
​Die grosse Liebe zu Dingen
Vor 20 Jahren flimmerten Bilder über deutsche Privatsender aus total vermüllten Wohnungen. Ihre Bewohnenden wurden fälschlich als Messies bezeichnet. Heute sind wir mindestens um kleine Welten weiter.

Johannes von Arx
Das «echte» Messie-Syndrom wurde in den vergangenen Jahren erforscht – und wird es noch immer: In über zwei Dutzend Büchern wissenschaftlich, literarisch und in Form von Ratgebern wird das Syndrom vertieft behandelt. In den Medien kamen Betroffene zu Wort, Fachpersonen erklärten, dass das Horten von Gegenständen aller Art – nicht selten ganze Wohnungen füllend – reale Gründe, psychische Fehlentwicklungen zur Ursache hat. Und dass das mehr oder minder auch dazu gehörende Chaos nichts mit Faulheit zum Aufräumen zu tun hat.

Psychologinnen wie Psychiater bieten Therapien an, Institutionen praktische Hilfen. Eine dieser Anlaufstellen ist LessMess, ein seit 2005 existierendes Netzwerk für Messies, Angehörige und Fachpersonen. Der Verein informiert und steht Ratsuchenden zur Seite. Die Vorgeschichte des Netzwerks beginnt 2001.

Damals hat Heinz Lippuner von der Selbsthilfe Zürich (damals Offene Tür) die erste Selbsthilfegruppe für Messies gegründet. Darüber berichtete auch «Quer», die damalige freitagabendliche Sendung zu sozialen Fragen vom Schweizer Fernsehen (siehe Box unten). Die Reaktionen waren gewaltig: Weitere grosse Medien nahmen das noch völlig neue Thema auf. In der Folge entstanden zahlreiche weitere Selbsthilfegruppen. 20 Jahre «Messiebewegung» in der Schweiz waren denn auch der Anlass, wieder einmal eine Tagung aufzugleisen. Zum zweiten Mal suchte LessMess die Kooperation mit der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen SGZ.

Die sagte ohne Federlesen zu, und so ging vor Kurzem die Tagung über die Bühne. Die «Bühne» lag coronabedingt sozusagen in der «Wolke», die Vorträge kamen also über die Monitore. In die seelischen Tiefen blicken Eine Gemeinsamkeit zwischen Zwangsstörungen wie Kontroll-, Waschzwang oder Zwangsgedanken und Messieverhalten ist denn auch die Zwanghaftigkeit des Sammelns.

Unter diesem Aspekt steht das kürzlich erschienene Fachbuch von Nassim Agdari-Moghadam «Pathologisches Horten – Praxisleitfaden zur interdisziplinären Behandlung des MessieSyndroms». Die Wiener Psychoanalytikerin war denn auch eine der Referierenden an der Tagung. Mit Worten wie «Symptome oder Beschwerden zeigen auf – das Dahinterliegende will verstanden werden… Es geht nicht um Schuld und Beschuldigungen», entlastet sie Betroffene von der Scham. Und zwischen diesen und ihren Angehörigen räumt die Referentin unnötige zwischenmenschliche Hemmnisse aus dem Weg.

Auf einen wichtigen Aspekt bei Zwangspatienten wies Susanne Walitza, Professorin an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, hin: «Je schneller die Erkennung und Behandlung, desto besser der Erfolg.» In abgewandelter Form gilt das auch für Messies. Zu viele von ihnen schämen sich noch immer, zögern, weswegen ihnen alles über den Kopf wächst. LessMess ruft ihnen zu: Überwindet eure Hemmungen, reagiert, meldet euch, holt Hilfe – wo und wie immer auch! Und wichtig zu wissen der Unterschied zum Vermüllungs-Syndrom: Menschen, die in einer zugemüllten Wohnung leben, kümmern sich um fast nichts mehr, sind meistens schwer suchtkrank, schizophren, dement.

​Messies dagegen haben noch 1001 Ideen, was sie alles mit ihren Dingen anfangen könnten. Ebenso viele verzweifelte Versuche mit Ordnungssystemen scheitern immer wieder. Die unheilvolle Lust auf Brocki Das Messie-Syndrom ist viel weiter verbreitet als gedacht, mehrere Studien weisen einen Prozentsatz von bis zu fünf Prozent an Betroffenen aus. Das bedeutet, dass auch in der Region Schaffhausen zahlreiche Messies leben.

Eine von ihnen ist Thea, wie wir sie hier nennen, die gleich verrät, dass auch einer ihrer Brüder der Sammelleidenschaft erliegt. Sehr belastend aber war einer ihrer Lehrer: «Er war ein brutaler Militärmensch, schlug Buben, sodass ich die Sommerlager schlimm erlebte. Ich litt unter Jugenddepression, unternahm mehr als einen Suizidversuch.»

Als sie mit 20 wieder einmal bei der Jugendbehörde war, hätten zwei dicke Bundesordner auf dem Pult gelegen. Gab es einen Auslöser fürs Horten? «Mit elf hatte ich sehr starke Perioden, und unter dem grossen psychischen Druck habe ich mein ganzes Taschengeld für Tampons ausgegeben.» Zu den Geburtstagen erhielt sie immer wieder Puppen geschenkt, später kamen wahllos weitere Sachen dazu. Die 56-Jährige wohnte lange zu Hause, wo ihr schliesslich drei Zimmer zur Verfügung standen, um die gesammelten Haushaltsgegenstände, Musikkassetten, Bilder und so weiter einzulagern.

Auf den Vorwurf des Bruders, es stinke, «habe ich mich herausgeschwätzt», blickt Thea zurück. Ein Lichtblick dagegen war ihr Vater, zu dem sie eine gute Beziehung hatte und ihn gemeinsam mit weiteren Angehörigen bis zum Lebensende pflegte. Es begibt sich, dass eines Tags die Anfrage von einem Brockenhaus in Schaffhausen hereinkommt, ob sie auch mal hinter dem Ladentisch wirken könne. Klar.

So verkauft sie drei Sommer lang alles Mögliche. Dann weicht der Laden einer Überbauung, so gibt es wieder einmal Zuwachs aus der Liquidationsmasse in ihre mittlerweile eigene Wohnung. Die dann für eine Weile selbst zum Brocki mutiert. Einen Beruf hat die Frau, deren treuer Begleiter ein Hund ist, nie erlernt, war mal in den Jugendjahren Pferdepflegerin, arbeitete dann in der Maschinenindustrie, und als diese in die Krise kam, machte sie sich selbständig zur Putzkraft in einem Bürohochhaus.

Zur Familiengründung kam es nie. Beziehungen gingen wiederholt in die Brüche. Erfüllung gaben ihr Porzellanmalen und Parfüms-Zusammenmixen. Im Unterschied zu vielen anderen Messies, die ihre Problematik verdrängen, sich an die Vorstellung klammern, sobald sie dann wieder etwas mehr Energie hätten, zu räumen, verfügt Thea über eine klare Einsicht, dass ihr die Dinge letztendlich nur eine scheinbare Sicherheit geben, dass das Loslassen ihr buchstäblich seelische Schmerzen bereiten. Deshalb hat sie sich auch mehreren Therapien unterzogen. Diese seien aber nie sehr in die Tiefe gegangen. «Dafür kam mein Therapeut einmal vorbei, und wir haben sozusagen als Initialzündung den Kühlschrank ausgeräumt und gereinigt.»

Heute steht ihr jemand von der psychiatrischen Spitex zur Seite. Gemeinsam sortieren sie Schritt um Schritt, «aber mit dem Entsorgen tue ich mich noch immer schwer». Eben jetzt hätte sie die Aufgabe bekommen, den Küchentisch freizuräumen. Doch mit dem Sammeln hat es noch kein Ende: «Eben habe ich bei Ricardo ein Gummiboot erstanden, und weil es obligatorisch ist, muss ich nun auch noch die Rettungsweste kaufen.»

Was Thea zu denken gibt, ist eine Bemerkung ihres Bruders: «Es gilt herauszufinden, was für dich eine echte Bedeutung hat.» Bis das richtig wirkt zum Loslassenkönnen dürfte es noch eine Weile dauern: «Das muss noch wachsen in mir.»

Interesse an vielem, die eine Zeitung ist noch nicht fertig gelesen, kommt schon die nächste. Und die alte will doch noch gelesen werden. BILD ZVG

Unser Autor über sich selbst
Isoliert in meiner eigenen Welt aufgewachsen, begann ich mit Radiobasteln, sammelte alles verfügbare Material. Im Lauf der Jahrzehnte kam viel Weiteres dazu, speziell – auch berufsbedingt – Dokumente, Papier. Als ich vor bald vier Jahren aus Zürich nach Etzwilen umzog, bildeten die aufgestapelten Bündel eine währschafte Mauer.

Insgesamt – gewogen – eine Tonne, ganz zu schweigen von Unmengen an Gestellen, Elektrogeräten und so weiter. Mit dem Sammeln habe ich längst aufgehört, Ordnung zu halten bleibt mein Problem.

Den Entscheid, mich im «Quer» vor 20 Jahren zu outen, habe ich mir nicht leicht gemacht, aber er fiel auch im Wissen, dass in einem derart sensiblen Thema jemand diesen ersten Schritt tun muss, der Erfahrung im Umgang mit Medien hat.

In der Folge engagierte ich mich, fand einen Partner, der die erste schweizerische Messie-Webseite aufbauen half, suchte Menschen – explizit auch Nichtbetroffene –, welche gemeinsam LessMess gründeten. Und ich schreibe auch mit 77 weiterhin mit Leidenschaft. (jva) ■
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<![CDATA[JOHANNES VON ARX: die geschichte eines messies]]>Wed, 04 May 2022 14:20:21 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-04th-20225335164MESSIE-SYNDROM
Der Sammler
Die Geschichte eines Messies


Als Kind war er einsam und es fehlte ihm am Nötigsten. Der Nährboden für sein überbordendes Horten und seine Desorganisation.
JOHANNES VON ARX


Es ist die erste ganz klare Erinnerung: Der knapp Dreijährige steht in der Veranda eines Zweifamilienhauses am Rande des Uhrenmacherdorfs. Da stellt sich seine um vier Jahre ältere Schwester vor ihn und verkündet stolz: «Morgen gehe ich zur Schule.» Blitzartig fährt es dem Bengel durch den Kopf: «Jetzt bin ich ganz allein.» Ein unauslöschliches Schlüsselerlebnis. Vielleicht zehn Jahre später hat der Bub einen Traum – ebenfalls über Jahrzehnte im Gedächtnis fest verankert: Auf seinen Tisch, auf dem er aus den Elementen des Stokys-Metallbaukastens immer wieder neue Kräne, Fahrzeuge, Maschinen aufbaut, regnet es unvermittelt Zahnrädchen wie von Geisterhand à discrétion herunter.

​Johannes, so heisst der Bub, ist überglücklich, denn so wird seine tiefe, unausgesprochene Sehnsucht gestillt, mehr Material zum Basteln zu haben als im sehr begrenzten Sortiment seines Baukastens vorhanden – wenigstens im Traum. Nochmals ein paar Jahre später erhält Johannes, der Schreibende also, von seinem Götti das «Elektrotechnische Experimentierbuch», einer der raren Impulse aus seinem Umfeld, der hilft, das Vakuum des Wissens etwas aufzufüllen. Dank diesem Buch eignet er sich autodidaktisch die Grundlagen der Elektro- und Radiotechnik an.

Er ergattert beim Radiohändler alte Apparate, nimmt sie auseinander, lötet Widerstände, Kondensatoren, selbst gewickelte Spulen, Dioden, Röhren oder Lautsprecher neu zusammen, bis nach unzähligen Versuchen aus dem monotonen Rauschen endlich die ersten Musikfetzen durchdringen. Eine überwältigende Erfahrung. Wenigstens jetzt, mit 16, findet er Schulkollegen, welche seine Leidenschaft teilen. Daraus erwächst seine lebenslang anhaltende Faszination fürs Radio.

Urvertrauen fehlte
Drei Stationen in einer Biografie, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben. Sie tun es aber doch: Das tiefe Gefühl der Einsamkeit stellt sich ein, weil Johannes auf Grund einer verzwackten Familiensituation auf Zuwendung, Körperkontakt und die Vermittlung eines Sicherheitsgefühls verzichten muss, also auf all das, was für die Bildung eines gesunden Selbstvertrauens, von Selbstsicherheit, zum Ja- und zum Nein-sagen-Können absolut unerlässlich ist.

Fehlt dieses Urvertrauen und – damit sind wir schon bei den Stokys-Zahnrädern – kommt ein Mangel an Gütern dazu, wie er in der Nachkriegszeit nicht selten war, muss die Ersatzbefriedigung im Traum gefunden werden. Und den Gegenständen wird ein Wert und Nutzen weit über dem realen beigemessen.
Johannes entwickelt einen überbordenden Hang zum Sammeln.


Er hütet Verwertbares wie seinen Augapfel.
Fehlt noch die dritte Station, die Faszination fürs Radio. Da konzentriert sich ein Junge in familiär verordneter, nahezu totaler Isolation ganz auf das Einzige, was für ihn das Leben lebenswert macht: Radiobasteln.
Er hortet alles, was ihm irgendwann oder irgendwie dienen könnte, er hütet alles Verwertbare wie seinen Augapfel.
Das zwanghafte Festhalten an Gegenständen geht nahtlos ins Erwachsenenalter über.

Innerliche Zerrissenheit
Jede und jeder Messie hat ihre beziehungsweise seine eigene Geschichte. Aber ich bin mir sicher, dass sie alle schwierige und traumatische Entwicklungsgeschichten im Kleinkindesalter hinter sich haben – nicht selten auch sexuellen Missbrauch.

Oder sie wurden als Erwachsene mit einem Todesfall, einer Trennung oder mit einer Kündigung nicht fertig. Horten – das ist bloss eine der Ingredienzien des Messie-Syndroms. Mindestens so gravierend ist die Desorganisation.
Wären all die gesammelten Dinge auch nur halbwegs geordnet, platzsparend gestapelt, dann wäre alles halb so schlimm. Unvergesslich für mich die Aussage einer Berufskollegin: «Es braucht einen Tisch, einen Bleistift und einen Schreibblock – und damit richte ich ein Chaos an!» Auch bei mir ist heute das grösste Problem die Desorganisation. Diese wiederum ist bei fast allen Messies verknüpft mit Erledigungsblockaden, ADHS, Erstarrung, Aspergersyndrom,

Depressionen und Perfektionismus.
Wenn ich Reisen organisiere, wie etwa die im Jahr 1999 für mehr als hundert Leute zur Sonnenfinsternis nach Deutschland, liegt der Perfektionsgrad stets nur einen Hauch unter der 100-Prozent-Grenze.
Das ist nicht untypisch für Messies: In der Öffentlichkeit üben sie oft anspruchsvolle Berufe aus, im privaten Bereich aber versagen sie bei den elementarsten Aufgaben. Das ist ein gewaltiges Spannungsfeld, das viele Messies innerlich zerreisst: Sie sehnen sich nach einem für sie selbst stimmigen Ordnungssystem, strengen sich an, hoffen, machen Vorsätze – und scheitern fast immer kläglich.

Nach dem deutschen Psychoanalytiker Rainer Rehberger ist das Messie-Syndrom letztlich eine Bewältigungsstrategie, ja gar Überlebensstrategie, um mit grossen, lange andauernden Notsituationen im frühen Kindesalter umzugehen. Damit sind wir bei der Frage aller Messie-Fragen angekommen: Was tun, wie helfen? Niederschwellig sind Selbsthilfegruppen, welche einen geschützten Rahmen bieten, um ohne Scham das Herz auszuschütten. Coaching kann helfen, administrativen Defiziten wie vernachlässigten Briefkästen oder amtlichen Pflichten nachzukommen und die Wohnverhältnisse zu sanieren. Doch weil das Messie-Syndrom auf tiefgreifende Entwicklungsstörungen zurückgeht, kann letztlich nur Psychotherapie nachhaltig wirken. Das Syndrom darf aber nicht bloss vom Problematischen her betrachtet werden: Was ist dagegen einzuwenden, wenn ich Verpackungsmaterial aufbewahre, um es beim nächsten Einkauf zu brauchen, wenn ich Batterien wiederauflade, um die Umwelt zu schonen? Natürlich nichts, solange man es massvoll betreibt.

Welche Bilanz ziehe ich persönlich über meine mehr als 20-jährige «Therapiekarriere»? Psychisch geht es mir sehr viel besser als zuvor: Ich konnte meine erste tragfähige Beziehung aufbauen, bin beruflich «hyperaktiv» und erfolgreich, engagiere mich gesellschaftlich mit beachtenswerten Resultaten. Meine Probleme sind heute als 71-Jähriger die Unmengen an Papier, Zeitungen, Literatur, Dokumentationen und, eben, die Desorganisation. Aber bezüglich Sammeln habe ich mich längst selbst therapiert: Es kommt nichts mehr herein, das ich nicht realistischerweise innerhalb eines Jahres wirklich brauchen kann und welches das bestehende Chaos bloss vergrössern würde. Das ist die mir selbst verordnete Doktrin, an die ich mich strikt halte.

DER AUTOR
Johannes von Arx arbeitet als freier Fachjournalist in den Bereichen Bahntechnik und Musik. Die erworbenen Berufe Chemielaborant, Elektroingenieur und Masseur hat er nicht oder nur kurz ausgeübt. Auch Kurse in Kunst- und Psychotherapie brach er ab. Von Arx ist Vorstandsmitglied des Verbands LessMess, den er initiiert hat.

KONTAKT
johannesva@sunrise.ch www.lessmess.ch
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<![CDATA[wikipedia: messie-syndrom]]>Wed, 04 May 2022 13:04:24 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-04th-20223703569Bild

​Messie-Syndrom

Das Zwangshorten, umgangssprachlich auch Messie-Syndrom (abgeleitet von englisch mess „Chaos, Durcheinander“)[1] genannt, bezeichnet ein zwanghaftes Verhalten, bei dem das übermäßige Ansammeln von mehr oder weniger wertlosen Gegenständen in dem eigenen Wohn- und Arbeitsumfeld im Vordergrund steht, verbunden mit der Unfähigkeit, sich von den Gegenständen wieder zu trennen und Ordnung zu halten.[2] 

Im Extremfall kommt es zu einem Vermüllungssyndrom: Die Wohnung ist dann teilweise nicht mehr begehbar, sie kann einem Schrottplatz oder einer Mülldeponie ähneln. Der Themenkreis wird auch als Desorganisationsproblematik beschrieben. Dem übermäßigen Sammeln von Objekten kann eine psychische Störung zugrunde liegen. Das krankheitswertige Syndrom wird den Zwangspektrumstörungen zugerechnet.[3]

Messie ist ursprünglich ein abwertender Ausdruck der deutschen Umgangssprache. Über die Berichterstattung in den Massenmedien fand er auch in der psychotherapeutischen Fachwelt Verwendung.[4] Dagegen hat sich der Begriff im englischen Sprachraum nicht etabliert. Dort wird das Syndrom mit hoarding („Horten“) bzw. compulsive hoarding („zwanghaftes Horten“) bezeichnet.[5]

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Das Messie-Syndrom ist eine Störung der Wertbeimessung (Wertbeimessungsstörung). Die Betroffenen haben Schwierigkeiten, Wert und Nutzen von Gegenständen zu beurteilen und entsprechend zu behandeln. Stattdessen wird vielen Dingen ein übersteigerter Wert beigemessen, der dazu führt, sich nicht davon trennen zu können. Das können zum Beispiel alte Zeitungen und Bücher sein, Lebensmittel, Werkzeuge, Verpackungsmaterial, Spielsachen, Ersatzteile, Kleidung usw. Es kann sich dabei um bestimmte Arten von Gegenständen handeln oder um wahllose. Die Dinge werden entweder beschafft oder einfach behalten, auch wenn nach allgemein üblichen Maßstäben Nichtgebrauch bzw. Nutzlosigkeit die Weggabe oder das Entsorgen sinnvoll.

2006 veröffentlichte die Schriftstellerin Evelyn Grill einen erfolgreichen Roman über einen Messie und sein Umfeld.[7] Der Begriff ist aber schon einige Jahre vorher ins allgemeine Sprachbewusstsein eingegangen und bezeichnet eine breite Palette von gesunden bis krankhaften Vermüllung

Symptomatik
Die Betroffenen leiden an einem Defizit, ihre Handlungen geplant und zielgerichtet an der Bewältigung ihrer alltäglichen Aufgaben auszurichten. Dies kann sich äußern in:
  • Unordentlichkeit bis zu Geruchsbelästigung und hygienischen Problemen[1]
  • zwanghaftem Sammeln wertloser oder verbrauchter Dinge
  • chronischen Problemen mit Zeiteinteilung und Pünktlichkeit
  • Lähmung der Handlungsfähigkeit (Handlungsblockade) auch in wichtigen Situationen
  • Versäumen bzw. Nichterledigen (Aufschieben) normaler sozialer Verpflichtungen. (Es kann beispielsweise vorkommen, dass die gesamte Post – ob Werbung, wichtige Briefe oder Mahnungen – ungeöffnet liegenbleibt.)
  • eingeschränktem sozialem Umgang, den u. a. eine oft extrem unordentliche Wohnung mit hervorruft
  • Hilflosigkeit unter dem Druck des Chaos[1]

Messies neigen zum Sammeln bzw. Horten von Sachen, die von den meisten Menschen als wertlos angesehen und weggeworfen würden. Die Betroffenen sind meistens unfähig, den realen Wert dieser Gegenstände einzuschätzen und zwischen wichtig und unwichtig, brauchbar und unbrauchbar zu unterscheiden.

Oft sehen sie die Irrationalität ihres Hortens zwar ein, sind aber nicht in der Lage, der Einsicht entsprechend zu handeln. Mitunter haben sie auch ganz konkrete Vorstellungen, wozu sie die betreffenden Gegenstände verwenden wollen, schaffen es aber nicht, diese Planung umzusetzen.[1]
Im Extremfall führt die Anhäufung von Gegenständen dazu, dass größere Bereiche der Wohnung oder sogar eines ganzen Hauses nicht mehr betretbar sind. Manchmal verbleiben nur noch enge Gänge zwischen großen Haufen, Kisten und Säcken. Durch diese Mengen an gestapelten Gegenständen wird die Reinigung der Wohnräume immer schwieriger. Falls Fenster und Türen zugestellt sind, kann es innerhalb der Wohnung zu einem Mangel an Frischluft und Tageslicht kommen. Durch das hohe Gewicht des gestapelten Sammelguts können statische Probleme auftreten. Im Endeffekt kann es zur Unbewohnbarkeit der Wohnung führen.

Falls der Vermieter dem Betroffenen die Wohnung kündigt und räumen lässt, kann es zur Wohnungslosigkeit bis hin zur Obdachlosigkeit des Betroffenen kommen.[1]
Eng mit dem gegenständlichen Horten verknüpft ist manchmal auch das immaterielle Aufschieben von Verpflichtungen zugunsten anderer, weniger dringender Handlungen (Prokrastination). Daher haben Messies häufig Schwierigkeiten, Prioritäten zu setzen, Notwendiges zu erledigen und ihre Handlungen gemäß eigener Zielsetzungen effektiv zu steuern. Insbesondere die Umsetzung geplanter Handlungen, die nicht aktuell befriedigend sind, fällt ihnen schwer, ebenso eine aufgabengerechte Zeiteinteilung. Ähnlich wie bei einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) sind also die sogenannten exekutiven Funktionen gestört.[1]

Auch haben Messies oft das Problem, dass sie sich zwar voller Elan in neue Aufgaben stürzen und viel organisieren, aber dann letzten Endes feststellen, dass sie nicht in der Lage sind, die Aufgaben den selbst gemachten Vorgaben entsprechend auszuführen. So bleiben viele angefangene Projekte liegen und tragen dazu bei, die Unordnung im Leben zu vergrößern.

Viele Messies schämen sich ihrer Unordnung und leiden darunter. Infolge sozialer Isolation kommen Betroffene oft nicht in die Lage, dass andere Menschen ihr Problem erkennen, oder dass sie von sich aus Hilfe suchen. Nach außen sind Messies meistens unauffällig. Sie erscheinen oft als offene, optimistische, vielseitige und kreative Menschen, häufig sind sie auch gut gekleidet und gepflegt. Manchmal haben Messies – scheinbar paradox – eine Tendenz zum Perfektionismus.

Teilweise führt dieses Verhalten zu Schwierigkeiten im sozialen Umgang und anderen Problemen wie dem Vermüllungssyndrom bis hin zur Verwahrlosung. Viele Messies führen nach außen ein normales, unauffälliges Leben. Allerdings zeigen sich manchmal im Verhalten nach außen gewisse Symptome, wobei die Abgrenzung manchmal schwierig ist. Auch Menschen, deren Wohnung ordentlich sein mag, die aber ein subjektives Gefühl einer Überforderung bezüglich der Ordnung in ihrer Wohnung haben, werden bisweilen als Messies bezeichnet. Als kennzeichnend gilt die Blockade des Handelns in der eigenen Wohnung.[8]

Ursachen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Ursachen für das Messie-Syndrom sind mannigfaltig, die im Folgenden aufgezählten sind nur einige von vielen möglichen (Mit-)Ursachen. Eine Vielzahl von zum Beispiel beim Umzug mitgenommenen Gegenständen wird vorübergehend in der Wohnung gelagert, da diese als erhaltenswert oder erinnerungsbehaftet eingestuft wurden, jedoch teils niemals mehr ausgepackt werden. Dies kann mitunter auch mit anderen Schwierigkeiten zusammenfallen, etwa einer Trennung vom Partner, nach der eine kleinere Wohnung bezogen werden muss, oder Verlust des Arbeitsplatzes und damit einhergehende finanzielle Engpässe, die ebenfalls einen Umzug nötig machen.

Als Differentialdiagnose und Ausschlussdiagnose sind andere Erkrankungen, die auch mit Fatigue, Erschöpfung, Schwäche, sogar Sehschwäche oder Gehschwäche verbunden sind, zu beachten, wie (Alters-)Diabetes (oder auch veränderter anderer früherer Diabetes) oder (einschleichender) Krebs; weiterhin auch ein chronisches oder ein anderes chronifiziertes Fatigue-Syndrom (CFS), möglicherweise auch durch Altern in Einsamkeit etc. hervorgerufen.

Eine Ursache kann Verlustangst sein. Jemand, der sich etwas zulegt, einkauft oder von jemandem beschenkt wird, verbindet mit dem erworbenen Besitz eine nicht zu unterschätzende angenehme Erinnerung. Für den Messie, der nie oder selten in seinem Leben Zuneigung oder Bestätigung bekam, ist diese Erinnerung des angenehmen gekauften Besitzes vielleicht das Einzige, woran er sich klammern kann. Eine Erinnerung, die er nicht wieder verlieren will. So hortet der Messie sie. Er sammelt alles, was die angenehme Erinnerung auslöste. Auf keinen Fall will er eine dieser Erinnerungen mit dem Hausmüll entsorgen, aus Angst, das einzig Angenehme in seinem Leben würde ihn verlassen.

Das Messie-Syndrom kann auch Folge eines Traumas sein, also einer seelischen Verwundung oder eines Schicksalsschlages, die den Betreffenden aus der Bahn warfen. Psychologen sprechen in diesem Zusammenhang von fehlgelaufener Trauerarbeit oder von einer Anpassungsstörung.[6]
Eine weitere Ursache für die übertriebene Sammelleidenschaft kann Geiz sein. Der Betroffene kann sich von nichts trennen oder muss alles aufheben, weil er davon ausgeht, er könne es noch einmal gebrauchen, auch wenn er schon gar keinen Überblick mehr über seine gehorteten Sachen hat. Auch der Wunsch nach der Schonung von Ressourcen durch Wiederverwendung von ausgesonderten Gegenständen, als bewusste Abkehr von der Wegwerfgesellschaft verstanden, kann Motivation zum Sammeln sein, wobei oft versucht wird, defekte Gegenstände zu reparieren oder umzufunktionieren.

Zusammenhänge mit anderen psychischen Störungen[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Messie-Syndrom konnte bei der ICD-10 bislang nur über den Umweg als Symptom einer anderen Zwangsstörung diagnostiziert werden. In der ICD-11 wird pathologisches Horten als eigenes Störungsbild geführt, was vor 2022 in den älteren Klassifikationssystemen ICD-10 oder DSM IV noch nicht enthalten war.

Dem Syndrom können unterschiedliche psychische Störungen zu Grunde liegen. Es kann sich um eine Störung der Selbstregulation bzw. der Exekutiven Funktionen im Rahmen einer Zwangskrankheit, einer Depression, von Persönlichkeitsstörungen oder anderer psychischer Erkrankungen handeln.
Manche Fachleute gehen davon aus, dass das Messie-Syndrom (in Fällen, in denen keine Psychose, schwere Depression oder Senilität vorliegt) eine ähnliche Grundlage hat wie ADHS bzw. eine Variante dieser Störung ist. Die Abklärung einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung sollte daher Bestandteil einer fachärztlichen oder psychologischen Diagnosestellung bei einem Messie-Syndrom sein.[1]

Eine Studie legt jedoch nahe, dass das Messie-Syndrom nicht notwendigerweise als Symptom einer anderen Erkrankung zu sehen ist, sondern auch als eigenständiges Störungsbild in Erscheinung tritt.[9]

Hilfe und Behandlung[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Eine Haushaltshilfe kann für Messies nützlich sein, wird aber nicht immer angenommen, da sie oft besondere Scham bezüglich ihrer Privatsphäre empfinden und zudem in der Regel ein starkes Bedürfnis haben, selbst die Kontrolle und Übersicht über ihre gehorteten Gegenstände zu behalten.
Für die betroffenen Personen gibt es öffentliche Beratungsangebote; so bietet die Caritas ein Haushaltsorganisationstraining an, als ein Teil ihres Angebots der Haus- und Familienpflege.

Viele Experten halten Coaching für ein geeignetes Mittel, Messies zu unterstützen. Ein Coach greift nicht persönlich ein, sondern berät lediglich. Die Erstellung von Arbeitsplänen und die Unterstützung bei deren Einhaltung helfen den Betroffenen oft, ihre täglichen Aufgaben besser zu strukturieren. Da Messies ohnehin unter Scham- und Schuldgefühlen leiden, sind Ermahnungen in aller Regel nicht hilfreich. Stattdessen sollten bereits kleine Fortschritte gewürdigt werden.
Zwanghaftes Sammeln wird häufig, ähnlich wie eine Zwangserkrankung, verhaltenstherapeutisch behandelt. Hierbei gilt es zunächst die Zwangsimpulse auszuhalten („Ich muss das behalten“) und dabei das Sammelverhalten zu unterdrücken. Entstehende negative Emotionen dürfen dabei nicht weggeschoben werden. Spezifische Therapieprogramme für die individuelle Therapie sowie Gruppenbehandlung wurden bereits für den englischsprachigen Raum entwickelt.[10][11]

Wichtig bei der Einzeltherapie von Patienten mit Messie-Symptomatik ist die grundlegende Basis einer tragfähigen therapeutischen Beziehung, die von VertrauenRespekt und Anerkennung gekennzeichnet ist, sowie Humor als „Problemauffangkissen“ nutzt. Weiterhin kann es bei manchen Patienten hilfreich sein, bereits sehr früh das Thema Selbstfürsorge anzusprechen und ein tiefliegendes Grundgefühl des eigenen Wertes aufzuspüren bzw. aufzubauen. Hierbei können auch spirituelle Ansätze hilfreich sein.[12]

Innerhalb des weiten Spektrums von leichteren Formen von Unordentlichkeit und Selbstregulationsschwäche und schweren, die Autonomie und Lebenstüchtigkeit der Betroffenen erheblich beeinträchtigenden Störungen gibt es bisher keine klaren Kriterien dafür, ab welchem Schweregrad eine behandlungsbedürftige Krankheit vorliegt.

Nach eingehender fachärztlicher Untersuchung und Diagnosestellung kann eine unterstützende medikamentöse Behandlung angezeigt sein, je nach zugrunde liegender psychischer Störung, wie mit einem Antidepressivum (bei Depressionen oder Zwangskrankheit) oder mit Stimulantien bei Vorliegen von ADHS.
Es wurde auch ein Messie-Hilfe-Telefon eingerichtet.[13]
Beschreibung der Symptomatik im englischsprachigen RaumIm englischen Sprachraum ist der Begriff messie syndrome ungebräuchlich. Die hier beschriebene Psychopathologie wird im Englischen als compulsive hoarding, medien- und umgangssprachlich manchmal auch als hoard and clutter syndrome oder pack rat syndrome bezeichnet.[14]

Wenn das Sammeln und Horten im Vordergrund steht, wird die Symptomatik im englischsprachigen Raum dem Spektrum der Zwangserkrankungen (obsessive-compulsive disorders, Abk. OCD) zugeordnet. Steht eine Handlungsstörung im Sinne von Defiziten der Selbstregulation bzw. der exekutiven Funktion im Vordergrund, sieht man die Störung dort zumeist als Form der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung an.

Siehe auch:

Literatur
  • Arnd Barocka u. a.: Die Wohnung als Müllhalde. In: MMW – Fortschritte der Medizin. 45, 2004.[15]
  • Werner Gross: Messie-Syndrom: Löcher in der Seele stopfen. (PDF; 54 kB) In: Deutsches Ärzteblatt, Ausgabe PP, Für psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten. Heft 9, 10. September 2002, S. 419–420; abgerufen am 2. Juni 2019.
  • Norbert Lotz u. a.: Drunter und Drüber. Das Messie-Syndrom. First-Verlag, Frankfurt 2014, ISBN 978-3-931562-20-5.
  • Joachim Marschall: Wenn Sammeln Leiden schafft. In: Gehirn & Geist. Nr. 7, 2009, S. 20–26.
  • Rainer Rehberger: Messies – Sucht und Zwang. Psychodynamik und Behandlung bei Messie-Syndrom und Zwangsstörung. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-89049-5.
  • Veronika Schröter: Messie-Welten. Klett-Cotta, Stuttgart 2017, ISBN 978-3-608-89183-6.
  • Andreas Schmidt: Der Messie House Index (MHI) – Versuch einer empirischen systematischen Quantifizierung über verhaltensökologische Phänotypus-Diagnostik des Messie Phänomens. Grin-Verlag, München 2009, ISBN 978-3-640-30710-4.
  • Gisela Steins: Untersuchungen zur Deskription einer Desorganisationsproblematik. Was verbirgt sich hinter dem Phänomen Messie? In: Zeitschrift für Klinische Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie. 2000; 48, Heft 3, S. 266–179.
  • Gisela Steins: Desorganisationsprobleme. Das Messie-Phänomen. Pabst Science Publishers, Lengerich u. a. 2003, ISBN 3-89967-009-4.
  • Gisela Steins u. a.: Aber Messie bin ich noch! Eine Interventionsfallstudie zum Messie-Phänomen. Pabst Science Publishers, Lengerich u. a. 2004, ISBN 3-89967-109-0.
  • Alfred Pritz (Hrsg.): Das Messie-Syndrom: Phänomen – Diagnostik – Therapie. Springer Verlag, 2009, ISBN 978-3-211-76519-7.
  • Annina Wettstein: Messies. Alltag zwischen Chaos und Ordnung. Zürich 2005, ISBN 3-908784-03-4.

Selbsthilfeliteratur
  • Eva S. Roth: Das Messie-Handbuch – Unordnung, Desorganisation, chaotisches Verhalten – Beschreibung und Ursachen. Klotz, Eschborn bei Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-88074-471-8.
  • Eva S. Roth: Einmal Messie, immer Messie? Momentaufnahmen aus einem chaotischen Leben. Klotz, Eschborn bei Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-88074-470-X.
  • Barbara Lath: Leitfaden für den Umgang mit Chaos-Wohnungen. Klotz, Eschborn bei Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-88074-479-3.

Filmproduktionen
  • Driveways, Regie: Andrew Ahn, 2019
  • Ulrich Grossenbacher (Regie): Messies, ein schönes Chaos. Dokumentarfilm, Schweiz 2011.[16]
  • Martina Elbert (Regie und Drehbuch): Morgen räum ich auf. TV-Spielfilm, Deutschland 2008.[17]
  • Thomas Haemmerli (Regie): Sieben Mulden und eine Leiche. Dokumentarfilm, Zürich 2007.[18]
  • Raymond Ley (Regie): Geliebter Müll! Vom Mann, der nichts wegwerfen konnte. Dokumentarfilm, Deutschland 2001.[19]

Reality-Shows
Serienfolgen
Weblinks
Wiktionary: Messie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

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<![CDATA[Wenn Gegenstände soziale Kontrolle ersetzen: Messie-syndrom]]>Wed, 04 May 2022 12:11:05 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-04th-20222506009Wenn Gegenstände soziale Kontrolle ersetzen 
Messie-Syndrom


25.08.20 (ams). 
Zu faul zum Aufräumen? Nein, beim Messie-Syndrom handelt es sich um die Auswirkungen einer psychischen Störung, die Fachleute auch zwanghaftes Horten nennen.
Aber nicht jeder, der unordentlich ist, ist ein "Messie".
​Ab wann ist Unordnung in der Wohnung nicht mehr normal? Warum sind die angehäuften Sachen so wichtig für die Betroffenen? Und was kann helfen?
Das erklärt Birgit Lesch, Diplom-Psychologin von der AOK.


Gelesene Zeitungen, Bücher, alte Kalender, Bastelsachen, Schuhe, Kleidung, Kisten mit Fotos - in den Zimmern sogenannter Messies (von engl. "mess" = Durcheinander, Unordnung) türmen sich die verschiedensten Dinge. Manche Wohnungen sind so vollgestellt, dass sich die Betroffenen nur noch in schmalen Durchgängen darin bewegen können. "Messies sind nicht zu faul, um aufzuräumen", betont Psychologin Lesch. "Sondern aus tieferliegenden psychischen Gründen fällt es ihnen extrem schwer, sich von Gegenständen zu trennen." Die sie umgebenden Dinge haben einen hohen emotionalen Wert für die Betroffenen: Sie geben Halt und Geborgenheit und das Gefühl, die Kontrolle über das eigene Leben zu behalten.

Deshalb ist es auch wenig hilfreich, wenn andere die Wohnung aufräumen oder säubern. "Das kann panische Ängste auslösen", so die Psychologin weiter. "Für manche fühlt es sich so an, als würde ihr Leben weggeworfen."

Es kann jeden treffenDas Messie-Syndrom ist gar nicht so selten: Schätzungsweise jeder 20. Mensch in Deutschland ist davon betroffen. Die Störung kommt zudem in allen sozialen Schichten vor: Nicht nur der Sozialleistungsempfänger, auch die Konzernchefin kann betroffen sein. Nur eine Minderheit lebt – entgegen einem gängigen Vorurteil - zwischen Essensresten, Schmutz und Müll. Meistens sieht man Messies nicht an, welches Chaos bei ihnen zu Hause herrscht.

Nach außen hin können sie gut funktionieren und im Beruf erfolgreich sein. Paradoxerweise haben sie einen Hang zum Perfektionismus, der sie allerdings regelrecht erdrückt, wenn es um die Ordnung in den eigenen vier Wänden geht.


Welche Menschen vom Messie-Syndrom betroffen sein können
Was Betroffenen helfen kann

Gewisse Unordnung ist normal
Eine gewisse Unordnung ist normal, kann sogar lebendig machen und Kreativität fördern. Und Objekte zu sammeln, gehört zu den menschlichen Bedürfnissen. Ab wann also beginnt die Unordnung krankhaft zu werden? "Der Übergang ist fließend", sagt die Psychologin und führt ein Beispiel an:

Ein Liebhaber von Technik sammelt Motoren und Maschinen, bringt alle möglichen Geräte von seinen Weltreisen mit. "Wenn die Sammelleidenschaft dahin führt, dass sich der Betroffene des Durcheinanders schämt und niemanden mehr zu sich nach Hause einlädt, dann ist die Grenze überschritten."


Wann ist man ein Messie?
  • Ein übermächtiges Bedürfnis, die Gegenstände aufzuheben.
  • Massive Anspannung bis hin zur Panik, wenn Gegenstände weggeworfen werden sollen.
  • Soziale Schwierigkeiten bis hin zur Isolation. Hobbys und Interessen werden aufgegeben.
  • Die Symptome können nicht besser durch andere psychische Erkrankungen erklärt werden.

Im amerikanischen Klassifikationssystem der Erkrankungen gibt es inzwischen auch eine eigenständige Diagnose unter dem Begriff "Pathologisches Horten" - wenn auch Überlappungen beispielsweise mit einer Depression, Sucht- oder Zwangserkrankung oder auch einer Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) nicht selten sind. Ärztliche oder psychologische Psychotherapeutinnen beziehungsweise -therapeuten prüfen in der Regel, ob die Symptome mit einer anderen psychischen Erkrankung erklärt werden können oder nicht.

Doch erforscht ist das Krankheitsbild noch wenig. Offensichtlich spiegelt das äußere Chaos das innere Chaos wider. "Das Ansammeln von Gegenständen ist als Versuch zu werten, unerträgliche Gefühle zu unterdrücken", erklärt AOK-Expertin Lesch. "Ungelöste innere Konflikte sollen durch das unkontrollierte Sammeln bewältigt werden." Häufig haben die Betroffenen schon in der Kindheit einschneidende Trennungen erlebt.

"Mit dem Wegwerfen der Gegenstände kommen tiefe Verlustgefühle wieder hoch", erklärt die Psychologin. Viele Betroffene haben Probleme mit ihrem Selbstwert, sie fühlen sich wertlos. Zudem fällt auf, dass sich die Betroffenen häufig nur schwer konzentrieren können - beispielsweise aufs Aufräumen - und eine große Angst vor falschen Entscheidungen haben.


Verschüttete Gefühle und Konflikte bearbeitenEine Psychotherapie kann einerseits pragmatische und einfühlsame Hilfe dabei geben, wie die Betroffenen das Chaos lichten können. Andererseits können "Messies" und "Horter" mit psychotherapeutischer Unterstützung tieferliegende Ursachen angehen. Möglicherweise kann auch ein/e Soziotherapeut/in oder eine psychiatrische Pflegekraft zu Hause Unterstützung bieten.

Die Betroffenen lernen, besser zu entscheiden, was weg kann und was nicht. Ist erst einmal eine Kiste aussortiert, kann diese positive Erfahrung dazu ermuntern, weiterzumachen. Oft schwächen sich die unangenehmen Gefühle beim Wegwerfen mit zunehmender Übung ab.

Die Betroffenen können zudem trainieren, ihre Aufmerksamkeit zu steigern, die fürs Ordnen und Sortieren notwendig ist. Wichtig ist es auch, sich selbstschädigende Gedanken - wie etwa: "Ich bin nichts wert.", "Ich muss perfekt sein." - bewusst zu machen. Auch verschüttete Gefühle und Konflikte können bearbeitet werden.
Eine Selbsthilfegruppe macht es möglich, die Probleme mit anderen Betroffenen zu besprechen. Letztlich können sie die Erfahrung machen, dass sie mehr sind als ein "Messie" - nämlich ein vielseitiger Mensch mit vielen positiven und negativen Seiten.



Weitere Informationen:

Psychotherapie-Informationsdienst (PID)

Unterstützung und Selbsthilfegruppen:]]>
<![CDATA[ADHS-Betroffene leiden häufig unter Messie-Störung]]>Wed, 04 May 2022 11:57:54 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-04th-20224698797Quelle:  www.netdoktor.de

ADHS-Betroffene leiden häufig unter Messie-Störung
Von Christiane Fux, Medizinredakteurin
8. März 2022

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Manche Menschen häufen Gegenstände aller Art an. In ihren Wohnungen horten sie oft enorme Mengen von Dingen, die anderen wertlos erscheinen: Werbesendungen, Elektroschrott, abgetragene Kleider. Im deutschsprachigen Raum wird das Phänomen „Messie-Störung“ genannt, nach dem englischen Begriff „mess“ – „Chaos, Durcheinander“.
Ein Team um Dr. Sharon Morein von der Anglia Ruskin University in Cambridge hat jetzt gezeigt, dass das Syndrom unter Erwachsenen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) stark verbreitet ist.


Fast jeder Fünfte mit ADHS von Messie-Störung betroffen
Bei der Befragung von insgesamt rund 300 Personen mit diagnostizierter ADHS machten 19 Prozent Angaben, die auf ein Messie-Verhalten schließen ließen. In einer nicht von ADHS betroffenen Kontrollgruppe waren es lediglich zwei Prozent. Auch unter den übrigen 81 Prozent der ADHS-Befragten gab es deutlich häufiger entsprechende, wenn auch weniger ausgeprägte Anzeichen.
Auch fiel den Forschenden auf, dass die Messie-Betroffenen unter den befragten Teilnehmenden mit ADHS nicht dem typischen Messie-Bild entsprachen, das vor allem ältere Menschen und überproportional häufig Frauen beschreibt. Unter den ADHS-Personen waren die Messie-Betroffenen überwiegend in ihren Dreißigern, die Hälfte von ihnen waren Männer.

Probleme zu planen, Probleme zu entscheidenDass Menschen mit ADHS häufiger in überquellenden Wohnungen leben, ist nachvollziehbar. “Viele Menschen mit ADHS haben Planungs- und Organisationsschwierigkeiten“, erklärt Studienleiterin Morein gegenüber NetDoktor.
Das strukturierte Herangehen an ein Projekt, wie die Wohnung aufzuräumen, falle ihnen schwer. Sie neigten dazu sich zu verzetteln und seien schnell abgelenkt. Hinzu käme, dass es ihnen oft sehr schwer falle, Entscheidungen zu treffen: behalten oder entsorgen?

Für manche mit ADHS bedeute Aufräumen eine echte Herausforderung und erfordere mehr Zeit und Energie. „Am Ende vermeiden sie solche Aufgaben und zögern sie immer wieder hinaus, sodass die Situation mit der Zeit immer schlimmer wird.“


Rückzug vom sozialen LebenEine Messie-Störung kann massiv Selbstwertgefühl, Lebensqualität und Sozialleben der Betroffenen beeinträchtigen. Aus Scham ziehen sie sich oft zunehmend vom sozialen Leben zurück.

Eine Messie-Störung umfasse viel mehr als nur das Anhäufen von Gegenständen, erklärt auch Morein. Die Störung erschwere die Bewältigung des Alltags, vermindere die Lebensqualität und begünstige Angst und Depression, so die Psychologin.
Bekannt ist, dass die Störung häufig gemeinsam mit psychischen und neurologischen Erkrankungen auftritt: Schizophrenie, Zwangsstörungen, Depressionen und auch Demenz. Mitunter scheint auch ein Trauma hinter dem unkontrollierten Horten von Dingen zu stehen.


Welche Krankheit verursacht meine Beschwerden?
SYMPTOME CHECKEN
Verschiedene Ursachen, verschiedene FacettenDas Syndrom wird zwar häufig beschrieben, ist aber keine fachliche Diagnose mit einheitlichen Kriterien. Bei genauerer Betrachtung findet man sehr unterschiedliche Facetten:
  • In manchen Fällen entspringt das Chaos einer mangelnden Fähigkeit, Ordnung zu halten und auszusortieren.
  • Einem anderen Messietyp scheinen die Dinge, die ihn umgeben, oft vor allem Sicherheit zu bieten. Sie können Anker in einer als chaotisch erlebten inneren und äußeren Welt sein.
Auch jugendliche ADHS-Betroffene berichten, Untersuchungen zufolge, von einer starken Bindung und emotionalen Empfindungen gegenüber den Objekten, die sie ansammeln. Das spricht dafür, dass die Problematik nicht allein mangelnder Planungs-, Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit entspringt.
Die Forscherin und ihr Team empfehlen, bei ADHS auch gezielt nach Anzeichen für ein Messie-Syndrom zu fragen und dieses entsprechend therapeutisch anzugehen.


Behandlung abhängig von der UrsacheJe nach Ursache des Messie-Verhaltens muss auch die Behandlung verschiedene Wege gehen. Bei ADHS können vor allem verhaltenstherapeutische Ansätze helfen. Mit ihrer Hilfe lassen sich Überzeugungen wie „Das schaffe ich sowieso nicht“ oder „Wenn ich es nicht perfekt hinkriege, kann ich es gleich ganz sein lassen!“ ausräumen. Hinzu kommen Strategien wie übergroß scheinende Aufgaben in kleinere Einheiten zu zerlegen, die überschaubar sind und sich bewältigen lassen.

Autoren- & Quelleninformationen
Datum :
8. März 2022
Autor:
Christiane Fux
Christiane Fux studierte in Hamburg Journalismus und Psychologie. Seit 2001 schreibt die erfahrene Medizinredakteurin Magazinartikel, Nachrichten und Sachtexte zu allen denkbaren Gesundheitsthemen. Neben ihrer Arbeit für NetDoktor ist Christiane Fux auch in der Prosa unterwegs. 2012 erschien ihr erster Krimi, außerdem schreibt, entwirft und verlegt sie ihre eigenen Krimispiele.

Mehr über die NetDoktor-Experten
Quellen:
  • Sharon Morein-Zamir et al: Elevated levels of hoarding in ADHD: A special link with inattention, Journal of Psychiatric Research, Volume 145, Jan 2022, Pages 167-174, DOI: https://doi.org/10.1016/j.jpsychires.2021.12.024
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<![CDATA[Hilfe für Messies: Ordnung für Raum und Seele]]>Wed, 04 May 2022 11:41:24 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-04th-2022Quelle:  www.deutschlandfunkkultur.de

Hilfe für Messies

Ordnung für Raum und Seele
Messies leben im Chaos: Sie öffnen ihre Post nicht mehr, können nichts wegwerfen, leben in Wohnungen, die bis zur Decke vollgestopft sind. Im schlimmsten Fall trennen sie sich nicht einmal mehr von ihrem Müll. Doch es gibt Hilfe.

Aus der Sendung

Die Reportage


Hüttinger: „Herr Bernsen kam gerade rein und ich habe ihn gleich beauftragt, den versprochenen Kaffee zu kochen.“
Der Kuchen steht schon auf dem Tisch an jenem Mittwochnachmittag im Winter vergangenen Jahres. Gut 20 Frauen und Männer drängen sich in einem engen Raum in Berlin-Weißensee um die wenigen kleinen Tische. Es ist heiß und stickig.
Gast: „Vielleicht können wir vorher lüften?“
Hüttinger: „Ja, Luft, frische Luft rein.“
Gast: „Sonst ersticken wir alle hier.“

Die meisten hier sind im mittleren Alter – manche eher elegant, andere nachlässig gekleidet. Unauffällig. Dabei regiert bei allen Anwesenden zuhause, in ihren Wohnungen, das Chaos. Messie-Syndrom, wie es landläufig heißt. Abgeleitet vom englischen „mess“ für Unordnung.
„Ich mag das Wort nicht. Es klingt irgendwie wie ein Knuddeltier, so ein Messie. … Wir sprechen am liebsten irgendwie von Betroffenen. Wir sprechen von Menschen mit einem Ordnungsdefizit.“

Andrea Hüttinger sitzt am größten Tisch im Raum, vor sich eine Tasse Kaffee. Die 42-Jährige mit halblangen, leicht zerzausten Haaren und etwas nervösem Blick hat den Verein „Freiraum Berlin-Brandenburg“ gegründet. Nachhaltige Hilfe für Messies ist das Ziel, deren Zahl in Deutschland auf 1,8 Millionen geschätzt wird. Die gemeinsame Kaffeerunde jeden Mittwoch soll ein Anfang sein.

„In Abgrenzung zu einer Selbsthilfegruppe“
Hüttinger: "Es ist von Betroffenen stark getragen dieser Kaffeeklatsch. Wo sie sich alle zwei Wochen ohne Druck treffen. Ganz bewusst in Abgrenzung zu einer Selbsthilfegruppe. Wo es einfach um einen Austausch geht, um eine Gemütlichkeit, um das schöne Leben, sag ich jetzt mal.“

Was ist einfach nur chaotisch und was krankhaft? Mitunter sind die Übergänge fließend.
Das klingt zunächst banal. Aber viele der Betroffenen leben isoliert. Oft sind ihre Wohnungen bis auf schmale Gänge vollgestopft mit alten Dingen und Müll. Sie schämen sich wegen des Chaos‘ und des Drecks, empfangen deshalb teils seit Jahren schon keine Gäste mehr. Vereinsamung ist die Folge. Und mit der Zeit geht auch die Struktur des Alltags verloren.
„Wir haben mehrere Leute, wo tatsächlich schon eine Odyssee von mehr als zehn Jahren dahinter steckt. … Wir sind oft die ersten Menschen, die sozusagen wieder den Kontakt zur Außenwelt. Also eine beständige Beziehung, ein beständiges Wiederkommen.“

Für mich fühlt sich die Atmosphäre des Kaffeeklatsches bedrückend an. Oft stocken die Gespräche, dann hängt eine bleischwere Stille im Raum. Die Betroffenen scheint das nicht zu stören. Viele wirken zwar verschlossen, aber trotzdem froh, hier Menschen mit ähnlichen Problemen zu treffen. Oder Menschen, die Hilfe anbieten.

Heute zum Beispiel Rechtsanwalt Stefan Senkel, der juristische Ratschläge gibt:
„Die Probleme sind zum großen Teil mietrechtliche Probleme. … Also es kommt aufgrund des Messiesyndroms zu Störungen des Mietrechtsverhältnisses. Und drumherum auch sehr viele Probleme, die mit dem Einhalten von Terminen und Fristen zu tun haben. Also pünktliche Mietzahlung. Oder auch der Gang zum Amt, zur Behörde, zum Jobcenter verursacht Probleme.“

Niemand zu erreichen, der Anrufbeantworter voll
Diese Erfahrung mache auch ich während der Recherche. Es dauert zuweilen Wochen, bis Treffen zustande kommen. Am vereinbarten Termin ist niemand zu erreichen, der Anrufbeantworter voll. Nach mehreren erfolglosen Versuchen, mit Messies in ein längeres Gespräch zu kommen, treffe ich auf Thekla Werner. Unter der Bedingung, dass ihr richtiger Name nicht im Radio genannt wird, ist sie bereit, von ihrem „Ordnungsdefizit“ zu berichten.

Ein besonders drastischer Fall: Feuerwehrleute in Schutzanzügen durchsuchen in München eine mit chaotische Wohnung, in der ein 73-jähriger Rentner tot geborgen wurde.
Frühling 2013, ein sonniger Vormittag. Wir treffen uns in einem Café neben einer lauten Kreuzung im Berliner Stadtteil Reinickendorf. Große Statur, langer Mantel und kräftige rot-braune Haare – so sitzt mir die Frührentnerin auf der Terrasse gegenüber.
Alle paar Minuten donnert eine Maschine im Landeanflug auf den nahen Flughafen Berlin-Tegel über uns hinweg. Thekla Werner kann nur am Stock laufen, aber sie wollte hier mit mir reden. Ihre Wohnung ist nicht weit entfernt – aber für alle Gäste und damit auch für mich tabu.

„Natürlich habe ich früher Besuch gehabt. Das schmälerte sich dann so um 2004/2005 rum. Als auch, na, die Berge zwar noch niedrig waren. Aber es zu viel Aufwand war, aufzuräumen, um Freunde zu empfangen. Also das hätte dann zwei Tage Vorbereitung gebraucht oder so. Und dann habe ich das irgendwann gänzlich abgebrochen.“
Thekla Werners Beschreibung ihrer Zwei-Zimmer-Wohnung löst bei mir Beklemmung aus. Überall auf den 60 Quadratmetern stapeln sich Zeitungen, Zeitschriften, Kartons. Flaschen haben sich ebenso angesammelt wie kiloweise Kleidungsstücke und 1.200 Rollen Stoff für ein ausuferndes Hobby: Patchwork.

Das Sofa im Wohnzimmer ist unerreichbar, ein Drehstuhl dort die einzige Sitzgelegenheit. Thekla Werner besitzt tausende Bücher – ein Teil davon ist rund um das Bett aufgeschichtet wie eine Festungsmauer. In der Küche steht auf Tisch und Ablagen Geschirr, das nicht mehr in die übervollen Schränke passt.

„Ich weiß, dass ich ein Messie bin“
Immer wieder zieht Thekla Werner an ihrer Zigarette, während sie ihre Lage beschreibt:
„Ich weiß, dass ich ein Messie bin. Und ich weiß, dass ich viel zu viele Sachen rumliegen habe, die nicht geordnet sind. Und es befindet sich auch jede Menge Müll darunter. Es sind nicht nur die Bücher, die rumliegen, die Stoffe, die ich für mein Hobby brauche. Sondern es liegen auch ganz viele unnütze Sachen, die man normalerweise in Schränken verstecken kann, liegen rum. Und ich bringe es nicht fertig, die weg zu räumen. Ich kann da drüber stolpern, ich kann da drüber steigen, statt sie in die Hand zu nehmen und weg zu tun.“

Wie die meisten Messies lebt auch Thekla Werner allein, ihr ganzes Leben schon. Eigene Kinder hat sie nicht, war aber als Erzieherin jahrzehntelang mit dem Nachwuchs anderer beschäftigt.

Werner: „Ich möchte bitte eine große Cola.“
Sie bestellt noch ein Getränk – dann fällt die Erinnerung leichter:
„2006 begann bei mir eine Depression. Und, ja, das führte halt dazu, dass ich mich nicht mehr bewegen konnte oder wollte. Und den ganzen Tag eigentlich im Sessel saß und Löcher in die Luft starrte. Und im Haushalt so gut wie nichts mehr gemacht habe.“

Der Tod der Mutter war bei Thekla Werner Auslöser für die Depression, bei anderen ist es die Trennung vom Partner oder andere einschneidende Erlebnisse. Messies ketten ihre Erinnerungen an die alten Dinge und können sie deshalb nicht loslassen, so die vereinfachte psychologische Erklärung. Es gibt aber auch Zwangserkrankungen oder überhöhte Verlustängste, deren Ursachen in der frühen Kindheit liegen. Manche Psychotherapeuten sind auf Messies spezialisiert, auch Thekla Werner war in Behandlung. Doch in der Zwischenzeit wuchs ihr die Wand aus Unrat über den Kopf.

„Wohin damit? Die Schränke sind ja voll“
„Ich stehe davor. Ich weiß auch nicht, wo ich anfangen soll. Das ist das Problem. … Man soll sich einen Platz schaffen, der ganz, ganz ordentlich ist. … Im Kleinen anfangen, Briefmarkengröße. Das habe ich jetzt geschafft. Das ist im Badezimmer meine Ablage. … Da steht meine Zahnbürste, da steht meine Zahnpasta, mein Shampoo, mein Deo. … Also diese kleine Fläche, die ist wirklich so in Ordnung. Und dann denke ich immer: Von da kannst Du ja weiter machen. … Und dann komme ich in die Küche und dann denke ich: Du liebes Lottchen. Die Ablage müsstest Du machen. Ja, aber wohin damit? Die Schränke sind ja voll.“

Nervös spielt Thekla Werner mit der Zigarettenschachtel auf dem Tisch. Schon kleine Zwischenfälle können Panik auslösen. Zum Beispiel, wenn die Wasserleitung kaputt geht. Manche Messies stellen lieber monatelang das Wasser ab, statt einen Klempner zu alarmieren. Auch Thekla Werner kostet es nach einer solchen Havarie viel Überwindung, den Handwerker in ihre Wohnung zu rufen:
„Man weiß, man kann innerhalb von zwei Tagen zwar Gänge schaffen, damit die da durchkommen. Das Badezimmer auch so weit frei räumen, dass sie an die Wanne und in die Wanne und wie auch immer. Aber es ist natürlich eine äußerst peinliche Angelegenheit. Ja, es ist so. Das ist ganz grauenvoll. Solche Katastrophen möchte man nicht erleben.“

Es gibt nur einen anderen Menschen, den sie regelmäßig in ihre Wohnung lässt: den Aufräumspezialisten vom Hilfsverein „Freiraum“. Ich verabrede mit Thekla Werner, dass ich den Mann in einigen Monaten bei einem Besuch begleiten darf. Bis dahin – so hoffen wir beide – hat sie einige Fortschritte beim Ordnen ihrer Wohnung gemacht.
Ein halbes Jahr später. Ich sitze mit Jürgen Bernsen, dem Aufräumhelfer, Mitte 50, in einem Kleinwagen. Hinten am Auto klappert ein alter Anhänger. Wir sind auf dem Weg zu Thekla Werner.

„Sie steht zurzeit gerade im Dunkeln“
„So viel ich weiß, steht sie zurzeit gerade im Dunkeln. Die Lichter sind kaputt. Da es ein schlechtes Beikommen ist, … machen wir erst Mal Platz, damit wir an eine Lampe ran kommen. Und schrauben ihr dann neue Birnen ein.“
Bernsen hat schon als Reinigungsunternehmer und in der Pflege gearbeitet. Jetzt kommt beides zusammen. Er ist ein vorsichtiger Mensch mit sanfter Stimme und kräftigen, zupackenden Händen.

Bernsen: „Das nervt am meisten. Die Baustellen.“
Bernsen tritt auf die Bremse – ein Bagger versperrt die Straße. Es wird knapp bis zum vereinbarten Termin – dabei soll sein zuverlässiges Erscheinen ein Stück Struktur in das Leben der Betroffenen zurück bringen.
„Man möchte auch pünktlich sein. Weil das gehört ja auch einfach zur Hilfe mit dazu. Dass man selbst auch ein Vorbild ist.“
Trotz Baustelle auf dem Weg – Bernsens Verspätung bleibt im Rahmen. Nur wenige Minuten nach der vereinbarten Zeit rangiert er seinen Kleinwagen samt Anhänger in eine Parklücke vor dem Haus von Thekla Werner.
Bernsen: „Ach, so lange habe ich den Hänger noch gar nicht. Also jetzt nicht wundern, wenn ich hier so rum eiere.“ Abschalten des Motors, Tür wird geöffnet

Kaum Fortschritte beim Aufräumen
Jürgen Bernsen verschwindet in dem grauen Sechsgeschosser mitten in der Einflugschneise des Flughafens Berlin-Tegel. Ich darf nicht mit hinein, denn Thekla Werner hat seit unserem letzten Treffen vor sechs Monaten kaum Fortschritte beim Aufräumen gemacht. Sie will nicht, dass ich die Wohnung sehe. Nach knapp zwei Stunden erscheinen Helfer und Klientin gemeinsam im Hausflur.

Bernsen: „Wir haben einige Sachen sortieren können, Anziehsachen. Nebenbei ein bisschen Licht geschaffen.“
Werner: „Und da haben wir dann auch noch ein paar Pfandflaschen gefunden. Die haben wir dann auch sortiert. Und, ja, eine große Mülltüte ist zusammen gekommen. Und die ist auch wegbring-bereit.“
Jürgen Bernsen müsste eigentlich jede Woche kommen, aber das wäre zu teuer. Thekla Werner muss die Hilfe von „Freiraum“ selbst bezahlen. Nur bei sehr niedrigem Einkommen springen die Behörden ein, ihre Rente aber liegt knapp über diesem Satz. Auch die Krankenkassen helfen nicht. Das Messie-Syndrom ist hierzulande nicht als Krankheit anerkannt.
„Ja, es geht halt alles nur ganz langsam. Und ich muss auch wirklich jedes Teil anfassen, was ich wegschmeiße. … Ich möchte es nicht haben, dass jemand was wegschmeißt, von dem ich nicht weiß, was es war. Das will ich nicht. … Ich würde nie meine Stoffe oder Bücher entsorgen lassen von anderen.“
Thekla Werner möchte so gerne aufräumen, aber es geht nicht voran. Deshalb suche ich nach einem Messie, der tatsächlich Fortschritte macht. Es dauert noch einmal drei Monate, bis ich jemanden finde.

Zwei Wochen Bedenkzeit für Einladung
Winter 2014. Ich fahre an den südlichen Berliner Stadtrand. Halte vor einem dreistöckigen Häuserblock aus den 60er-Jahren, eingefasst von einem niedrigen Metallzaun. Graubraune Schindeln an der Fassade, die Wege sind gefegt, die Randstreifen geharkt. Kaum vorstellbar, dass sich hier eine Messiewohnung befinden soll.
In der dritten Etage lebt Renate Lehmann. Nach zwei Wochen Bedenkzeit hat mir die 61-Jährige erlaubt, sie zu Hause zu besuchen. Mittlerweile kann ich ermessen, wie schwer diese Entscheidung für sie gewesen sein muss. In ihrer Anderthalb-Zimmer-Wohnung wuchs das Chaos mehrere Jahre.

Doch seit vier Monaten kommt Marie Kaiser zwei Mal pro Woche für zwei Stunden zum gemeinsamen Aufräumen. Und es geht voran:
Kaiser: „Wollen Sie denn das heute noch machen?“
Lehmann: „Nein, da ist zu viel drin. Das schaffen wir heute nicht. Das können wir ja dann beim nächsten Mal machen.“
Am langen Esstisch im Wohnzimmer besprechen die beiden Frauen, was heute angepackt werden soll. Allein dass sie überhaupt an diesem Tisch sitzen können, ist ein Erfolg. Als das große Aufräumen begann, war daran nicht zu denken, berichtet Renate Lehmann.
Lehmann:„Angefangen hat das, dass der Tisch hier von vorne bis hinten ganz voll war. Und wir dann angefangen haben, diesen Tisch abzuräumen. Und alles, was da drauf war. Es ist ganz viel Papier, Bastelmaterial und solche Sachen, haben wir in Kisten verpackt, die da stehen.“

„Es wurde immer flacher, immer flacher“
Kaiser: „Also man darf sich nicht vorstellen, dass der Tisch innerhalb einer Woche dann leer ist. Sondern das war eine Sache, die sich über einige Termine hinzog. Und es wurde immer flacher, immer flacher. Und irgendwann stießen wir dann tatsächlich auch auf Tisch.“
Trotz ihrer zierlichen Gestalt ist Marie Kaiser eine tatkräftige Messie-Helferin. Die 31-jährige Psychologin weiß aus Erfahrung, dass die Beseitigung des Chaos Monate dauern kann:
„Das Aufräumen ist bei jedem Klienten ein bisschen unterschiedlich. Das kommt darauf an, welche Grundproblematik dahinter steht. Bei jemandem mit einer Zwangserkrankung zum Beispiel müssen akribisch alle Sachen angeschaut und hin und her gewendet werden, ob es denn wirklich entsorgt werden kann. Bei jemandem mit einer Depression ist es schwieriger, die Konzentration beispielsweise zu halten.“

Ich kann kaum glauben, dass in Renate Lehmanns Wohnzimmer seit vier Monaten intensiv aufgeräumt wird. Sofa, Sessel und Couchtisch sind unter einem großen Haufen Gerümpel nur zu erahnen. Hüfthoch liegen große Mengen an Papier, Kartons, Pappe und Kleidungsstücken herum. Der Teil des Zimmers um den Tisch herum aber ist mittlerweile frei.
„Ganz viele Kisten, wo Material drin war, die haben wir aufgelöst. Und haben die dann da ins Regal gebracht. … Mein Wäscheständer stand hier quer, da lag auch ein Haufen Kram drauf. Den haben wir weg gebracht. … Also die Geh-Fläche war halb so groß wie jetzt.“

Sonderbarer Kontrast zum Chaos
Mit ihrem gepflegten Äußeren bildet Renate Lehmann einen sonderbaren Kontrast zu dem Chaos um sie herum. Grau-blonde Kurzhaarfrisur, eine randlose Brille mit rot eingefärbten Gläsern und Ton in Ton ein roter Pullover. Nichts deutet daraufhin, dass sie im Inneren mit einer großen Unordnung kämpft.
Renate Lehmann ist schon seit einigen Jahren arbeitslos. In der freien Zeit widmet sie sich ausgiebig ihrem Hobby. Sie bastelt exzessiv, und dafür braucht sie viel Material.
„Ich habe immer was Neues raus gekramt, weil ich ja durchweg gebastelt habe. Und man räumt das dann nicht wieder weg, weil man braucht das ja. Und ich habe immer nur oben rauf gelegt.“

Was für mich unvorstellbar bleibt: Dass man sich mit dem eingeschränkten Leben in vollgestopften Zimmern arrangieren kann. Renate Lehmann aber waren die Berge auf ihrem Tisch wichtig, obwohl sie ihr die Sicht nahmen:
„Ich fühlte mich hier hinter irgendwie geschützt. Das war so mein Wall, mein Schutzwall, ja.“
Mittlerweile sind Renate Lehmann und Marie Kaiser in die Küche gewechselt. Auch hier ist schon einiges geschafft, obwohl noch Geschirr, Töpfe, Pfannen und leere Verpackungen herum liegen. Ein hoher Einbauschrank gleich neben der Küchentür soll heute aufgeräumt werden.

In wenigen Tagen leeren
Kaiser: „Wissen sie schon, was sie rein räumen wollen?“
Lehmann: „Ja. Da hinten ist noch so ein Schrank, da ist so ganz viel Plastikzeug drin. … Da wird was davon hier rein kommen.“
Kaiser: „Weil der Schrank da hinten jetzt zu voll ist, oder?“
Lehmann: „Ja. Aber davon kann auch was raus. Also davon will ich was aussortieren.“
Jede Entrümpelungsfirma könnte eine Messie-Wohnung auch in wenigen Tagen leeren. Das bieten Angehörige Betroffenen zuweilen als gut gemeinte Hilfe an. Doch schon beim Gedanken daran steht Renate Lehmann das Entsetzen ins Gesicht geschrieben.
„Das wäre ja fatal, das wäre ganz schlimm. Da würde man sich ja total bevormundet vorkommen. Und ich glaube, das hilft auch erst dann, wenn man das auch selber macht. Es würde mir nicht helfen, wenn ich zugucke, wie jemand anders was aufräumt oder was wegwirft. … Dann hätte das nichts gebracht.“
Fachleute warnen sogar davor, dass schnelles Entrümpeln zu neuen Depressionen bei Messies führen kann – und sogar manchmal Selbstmordgedanken auslöst. Auch die Psychologin Marie Kaiser plädiert für viel Geduld – und gemeinsames Aufräumen mit den Betroffenen.

„Wenn eine fremde Person die Wohnung aufräumt und entrümpelt, ändert die leere Wohnung noch nichts an der dahinter stehenden Problematik. Es werden keine Verlustängste aufgearbeitet. Die werden eher noch vergrößert, weil die Sachen auf einmal weg sind. Es wird keine Kondition zum Aufräumen geschaffen, weil die Person nicht selber aufräumt. … Kondition heißt einfach: körperlich so einen Termin durchzustehen. Trotz Rückenschmerzen zum Beispiel, trotz Atemproblemen. … Die Ängste auszuhalten, die dabei aufkommen, wenn zum Beispiel schwierige Amtsschreiben sortiert werden müssen. Oder Sachen von zum Beispiel verstorbenen Personen sortiert werden. … Das kann man nur erlernen und wieder erlernen, die Sachen zu sortieren, wenn man es selber macht.“

Platz für ein Stück normalen Alltag
Es bleibt noch viel zu tun in Renate Lehmanns kleiner Wohnung. Nicht nur weiteres Aufräumen, auch gründliches Putzen ist nötig. Aber das halbe Wohnzimmer und die Küche sind schon wieder begehbar, die ersten Schränke aufgeräumt. Und der Esstisch bietet Platz für ein Stück normalen Alltag. Fortschritte, die sich auf das Lebensgefühl auswirken.
„Freier. … Anders kann ich es nicht sagen. Ja, freier. Ich habe jetzt wieder mehr Raum. … Nachdem die Küche jetzt auch wieder benutzbar ist, kann ich auch schon wieder kochen. Vorher stand alles voll, da war gar kein Platz dafür. Das haben wir jetzt auch schon geschafft.“
In einigen Monaten, das hat sich Renate Lehmann vorgenommen, will sie ihre beste Freundin zum Essen einladen. Es wäre der erste Besuch in ihrer Wohnung seit Jahren.
Thekla Werner hat unterdessen nicht weiter aufräumen können, obwohl sie sich das so dringend wünscht. Noch einmal treffe ich mich mit ihr, aber nicht in ihrer Wohnung, sondern auf dem Weg zur Therapie. Genauer: Zur Kunsttherapie. Eine Wiener Künstlerin bietet speziell für Messies Collagen-Kurse an und Thekla Werner ergreift den Strohhalm, der ihr vielleicht Hilfe bringt.
Fiona Rukschcio: „Da hab ich so große Papiere. Möchtest Du denn groß arbeiten? Ah, da ist mein Kamm, super.“
Thekla Werner: „Ja, meine Wohnung ist auch eine Wundertüte. An jeder Ecke lauert eine Überraschung. Und man ist immer ganz erstaunt, was man alles wieder findet.“

Ganz eigener Blick auf Messies
Fiona Rukschcio hat ihr Atelier in einem hellen Raum mit breiter Fensterfront in Berlin-Hohenschönhausen. Die 41-Jährige hat einen ganz eigenen Blick auf Messies:
„Also ich mag gerne auch Unordnung und ich finde das faszinierend, wenn etwas so blüht und gedeiht. … Andy Warhol hat ja auch gesammelt. Der hat ja lauter so Kartons gesammelt, wo er ganz viele Sachen, auch Flyer, ganz viele Sachen des Alltags gesammelt hat. Und die werden immer noch systematisiert und geöffnet im Andy-Warhol-Museum in Pittsburgh. Und das finde ich spannend, auch inhaltlich. Dieses Festhalten von Alltag, von Alltagsgeschichte.“

Thekla Werner hat einen Stoffbeutel voller alter Zeitschriften aus ihrer Wohnung mitgebracht – der Rohstoff für die Collagen. Auch ein Thema ist schnell gefunden.
Werner: „Ich fahre am Freitag für drei Wochen in die Heide zu meiner Tante. Das wäre schon ein Thema.“
Rukschcio: „Na gut. Dann könntest Du da, was auf Dich zukommt, was Du vor hast. Was Du gerne hättest. Auch was vielleicht unrealistisch ist, ja. Also nicht zensieren. Alles raus lassen.“
Die beiden Frauen sitzen an einem langen Tisch mitten im Raum. Während Thekla Werner sich sofort an die Arbeit macht, beobachtet Fiona Rukschcio, wie sich das leere, weiße A-3-Blatt füllt:
„Also dieses von der Fülle in die Konzentration zu gehen, dabei das Unwichtige dann auch weglassen zu können und dann das Konzentrat zu haben, das ist auch toll. Das ist auch befriedigend. Und da sehe ich auch einen Ansatzpunkt zu Messies. Oder zu Leuten, die Probleme haben, Sachen weg zu werfen. … Ich glaube, das Problem haben wir ja alle auch. Und manche Leute haben das eben mehr, und manche weniger. Und manche erkennen das, stehen dazu und können darüber reden. Das ist toll, weil die können daran arbeiten.“
Rukschcio: „Und was ist jetzt? Bist Du schon fertig?“
Werner: „Ja.“
Rukschcio: „Willst Du noch herumzeichnen oder rein arbeiten oder?“
Werner: „Nein, mache ich nicht so gerne. Ich kann es euch auch erklären.“

Ein malerisches Naturbild in die Mitte geklebt
Nach etwa einer Stunde ist Thekla Werners Collage fertig. Ein malerisches Naturbild hat sie in die Mitte geklebt, darüber das Wort „Flucht“. Bilder von einem Lesesessel und einem Braten. Vorfreude auf den Besuch bei ihrer Tante auf dem Land – wo die Tage Struktur haben und die Gedanken nicht vom Chaos in der Wohnung bestimmt werden. Ganz unten rechts aber hat sie noch zwei Worte aufgeklebt: „Schwerer Rückfall“:
„Wenn Du dann nach Hause kommst – Du machst die Tür auf. Du kommst aus einem geordneten, sauberen, durchorganisierten Leben. Und machst Deine Tür auf – und alles bricht zusammen. Du suchst den Weg zu Deinem Lieblingsstuhl. Damit Du Dich hinsetzen kannst. Und dann denkst Du: Oh – und los geht es wieder.“
Thekla Werner hat jetzt schon Angst vor dem Moment des Zurückkommens.

Weil sie schon so lange erfolglos versucht, ihr Chaos zu ordnen, geht sie mittlerweile auch mit gemischten Gefühlen zum Kaffeklatsch mit anderen Betroffenen:
„Ich denke: Mein Gott, wenn die anderen das schaffen, warum schaffst Du das nicht? … Und ich lasse mich so gerne ablenken. Ich weiß das. Ich kenne alle, also vermutlich kenne ich alle Tricks. Ich kann sie bloß bei mir selber nicht anwenden.“
Immerhin – ein paar alte Zeitschriften ist sie jetzt los. Alle Illustrierten, die sie zum Collagen-Kurs mitgebracht hat, kommen direkt in den Müll. Ein Gefühl, das sie aushält. Eine Winzigkeit, in dem großen Chaos, das sie beherrscht. Ein gutes Zeichen? Vielleicht.
Sven Kästner: „Während meiner Recherche über Messies hab ich eine Nachricht so oft wie nie zuvor gehört: ‚Diese Mailbox kann zurzeit keine weiteren Nachrichten annehmen.‘ Selbst von Nachrichten auf dem Anrufbeantworter können sich die Betroffenen oft nicht trennen. Ich wollte wissen warum – und wie man helfen kann.“
Sven Kästner© privat
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<![CDATA[Sammelwut: DIE SIEBEN MESSIE-TYPEN]]>Tue, 03 May 2022 12:01:59 GMThttp://www.messihilfe-suisse.ch/texte-uumlber-messie-syndrom/may-03rd-20222515988MIGROSMAGAZIN
Sammelwut

DIE SIEBEN MESSIE-TYPEN
Sie teilen eine gewisse Unordnung miteinander, oder dass sie sich von angesammeltem Material schwer trennen können. Dennoch verhalten sich Messies mitunter ganz unterschiedlich und haben verschiedene Antriebe. Eine Übersicht des Verbandes «LessMess».
Text Reto Meisser
 
Fotos Basil Stücheli
05032012

1. Der perfektionistische Messie
Sie kümmern sich vorwiegend um Kleinigkeiten, dies aber perfekt. Der Haushalt als Ganzes versinkt jedoch im Chaos. Es fehlt der Überblick über das Ganze, ein Plan.
Merkmal: 
Die Teesorten werden pingelig alphabetisch geordnet, während sich das Geschirr schichtweise auf der Ablage stapelt.


2. Der Sicherheitsmessie
Sie erwarten stets schlechtere Zeiten, deswegen betreiben sie unaufhörlich Vorsorge. Kleider werden nicht bei Bedarf, sondern auf Vorrat gekauft, speziell im Ausverkauf. Geschenke sammelt man auch Monate im Voraus (und vergisst sie dann auch mal!). Alles wird aufbewahrt.
Merkmal: 
Schuhe, Schnäppchen aller Art stapeln in rauen Mengen. Zwar hat die Ablage oft eine Art Ordnung, doch die Menge allein verunmöglicht die Übersicht.


3. Der idealistische Messie
Vertreter dieses Typs schweben schlicht in anderen Welten. Interessieren sich für grosse Gedanken, Konzepte und Ideen, entwickeln häufig wunderbare Visionen. Sie wenden fast unbegrenzt Zeit auf, Projekte niederzuschreiben, die in der Regel in der Schublade enden.
Merkmal:
Der Hunger in der Dritten Welt wird mit Inbrunst bekämpft, derjenige der eigenen Kinder dafür mit Fastfood gestillt. Die Energie reicht schlicht nicht für alles...


4. Der rebellische Messie
Sie sind sehr oft durch traumatische Kindheitserlebnisse vorbelastet, stammen klassischerweise aus Familien, in denen Ordnung, Sauberkeit und Co. wichtiger waren als vieles andere.
Merkmal: 
Die Umzugskartons stehen vorab deshalb noch nach Monaten demonstrativ im Wohnzimmer, damit sich die Mutter beim nächsten Besuch darüber aufregt.


5. Der sentimentale Messie
Diese Romantiker sehen in jedem noch so unscheinbaren Gegenstand einen Wert. Die Vergangenheit bleibt durch alle aufbewahrten Erinnerungsstücke erhalten.
Merkmal: 
Überall türmen sich Familienfotos, Reisesouvenirs, Flug- oder Fussballmatch-Tickets.


6. Der erholungsbedürftige Messie
Für sie stellt die Wohnung ein Ort dar, wo man nicht auch noch überlegt und strukturiert vorgehen, sprich: arbeiten will. Solche Messies haben meist einen anstrengenden Beruf, der genaue und koordinierte Vorgehensweise erfordert, und wollen sich abends nur noch ausruhen.
Merkmal: 
Leere Flaschen stehen auf dem Küchenboden zum Entsorgen bereit – tun das aber lange. Dasselbe mit Zeitungen usw.


7. Der reinliche Messie
Ein spannender Fall, für den Sauberkeit immer vor geht, Ordnung aber weit hinterher hinkt. Dieser Messie denkt, sich nicht mehr um bestimmte Sachen kümmern zu müssen, wenn sie mal geputzt, abgestaubt oder gewaschen sind. Kleider bleiben etwa nach dem Waschen und Trocknen ewig im Korb liegen.
Merkmal: 
Im Haushalt ist jedes Ding für sich sauber, alles zusammen wirkt aber chaotisch.


Typologie: Sandra Felton ( www.lessmess.ch )]]>